X MARKS THE PEDWALK “INNER ZONE JOURNEY” + CRYO “HIDDEN AGGRESSION” -

Was wäre, wenn? Das gedankliche Spiel mit dem Möglichen ist quasi prädestiniert für unsere beiden Tipps für den Frühlingsmonat April. Denn sowohl X-Marks The Pedwalk, als auch Cryo haben bewegte Karrieren, die vielleicht auch anders verlaufen könnten.

So hätte beispielsweise Sevren Ni-Arb, kreative Kopf von XMTP einfach mit seiner Frau Estefania und den Söhnen Lennart und Luis weiter in der Nähe von Münster in einem schönen Häuschen leben und seinen Beruf im IT-Bereich weiter ausüben können. Sicherlich würde er dann auch noch seinen Sprösslingen diese tellergroßen, schwarzen Scheiben mit dem kleinen Loch in der Mitte zeigen, irgendetwas von Plattenspielern und analoger Musik erzählen. Und er hätte ihnen erzählen können, dass er mit seinem Projekt X-Mark The Pedwalk vor über 20 Jahren die hiesige Elektrogemeinde aufgescheucht hätte. Aber genug der Konjunktive, denn Torben Schmidts (Infacted Recordings Chef) genialer Einfall, alte EBM-Klassiker neu aufzulegen, führte unweigerlich dazu, auch XMTP mit in die Liste aufzunehmen (man kennt sich ja auch noch aus Zoth Ommog Zeiten), was gleichzeitig auch die Nachfrage nach neuem Material der Altheroen steigen ließ. So kam es dann doch dazu, dass sich Sevren wieder an die Keyboards und Synthesizer klemmte. Und das schönste: Er hat nichts verlernt. Besser noch: „Inner Zone Journey“ ist kein weinerlicher Blick zurück in eine Zeit, in der alles besser gewesen sei (das ist es ja per se immer), aber auch nicht der krampfhafte Versuch, auf irgendeinen Trend aufzuspringen und sich dabei völlig zu verleugnen. Stattdessen macht XMTP einfach Musik, ohne sich etwas beweisen zu müssen. Einfach nur so. Aus Spaß. Das Ergebnis ist eines der erfrischendsten Elektro-Platten dieses Frühjahres, das mit „Seventeen“ sicherlich eine perfekte Vorabsingle besitzt (und man als Hörer immer geneigt ist, eine Parallele zu „Seventeen“ von Ladytron zu ziehen), es aber noch viel mehr zu entdecken gibt. Da wäre zum Beispiel das fluffige „Human Scientist“, das mit seinem sphärischen Sounds und dem unaufgeregten Sprechgesang eine Brücke hin zum Intelligent Electro schlägt. Bei „Runaway“ rollt die Basslinie, während tropfende Synthiespielereien sich mit einem treibenden Beat vermengen. Insgesamt macht der Titel der CD alle Ehre. XMTP ist ein Blick ins Innere der Gedanken gelungen. Die Stücke schweben, wollen gar nicht richtig gefangen genommen werden, sondern umschwirren den Hörer (allen voran „Satellite“). Selbst wenn wie bei „Winter Comes Tomorrow“ durchaus der Härtegrad der Beats um einige Stufen angehoben wird, können Sängerin Estefania und breite Flächen gut kontern. So ist „Inner Zone Journey“ eine Scheibe, die in erster Linie zu Hause am besten funktioniert, die aber sicherlich auch auf der Bühne seinen Reiz entfalten kann. Vielleicht wird man dann Sevren zusammen mit Gattin Estefania auch mal wieder auf der Bühne sehen. Denn sind wir mal ehrlich: So ein „gut-bürgerliches“ Leben in einem Haus in Münster, das passt doch eigentlich gar nicht zusammen, oder?
www.xmtp.de

Es passt auch nicht zusammen, dass Cryo, das Projekt des Sound-Wizards Martin Rudefelt, es bislang mit seinen Songs immer gerade mal geschafft hat, auf einigen Samplern zu erscheinen (unter anderem auf der „Septic“-Reihe), der richtige Durchbruch ihm aber bislang noch nicht gelungen ist. Und selbst in der Presse-Info gibt man sich etwas ratlos. „Wenn das neue Album Cryo nicht in die erste Liga der elektronischen Bands hochhieven wird, dann wird nichts mehr dies schaffen.“ Nun, sooo schwarz wollen wir dann doch nicht malen. Obwohl es tatsächlich erstaunt, wie sehr Cryo ignoriert wurde, zumindest hierzulande. Nicht so im schwedischen Heimatland. Für das Debüt „Cryogenic“ gab es den SAMA-Award als bester elektronischer Newcomer 2006, und auch in den DAC konnte sich das Album platzieren (wohlgemerkt sind die Deutschen Alternative Charts zusammengestellt von DJs, und die Top Ten gleichen nur bedingt dem Publikumsgeschmack). Nun ist also mit „Hidden Aggression“ das nächste Album am Start. Und es ist schlicht und ergreifend ein Meisterwerk. Martin kommt ohne Klischees aus, kreiert seinen eigenen, unterkühlten, sterilen, statischen Klangkosmos, der so radikal kalt und unnahbar ist, wie es vielleicht Covenant ganz zu Beginn ihrer Karriere praktiziert haben. Oftmals wurde dieses Projekt mit den drei Musikerkollegen verglichen, doch mit „Hidden Aggression“ springt Cryo endgültig aus diesem Schatten und präsentiert sich selbstbewusster als je zuvor. Schon die Prelude „Waves Of Sin“ lässt großes erahnen. Hier treffen schwere, schleppende Beats auf ein verträumtes Piano und flirrende Electro-Effekte. Und dann: „I Tune In“, der den Rhythmus des Intros aufnimmt, nur fetter macht, und eigentlich alles beinhaltet, wofür Cryo berühmt geworden ist. Wabernde Elektronik im niederfrequenten Bereich, eine hypnotische Stimme, und alles wie immer sehr kühl (skandinavisch eben). Auch „Weitergehen“ und „Substance“ machen trotz ihrer Vierviertelbeats und dem vor allem bei „Weitergehen“ starken Anleihen an Goa und Psy-Tracne keine Anstalten, in irgendeiner Weise sich anzuschmiegen. „Counting Down Again“ erinnert ein wenig an „Freedom“, einem früheren Cryo-Stück, jedoch mit weiblichem Gesang. Das vielleicht genialste Stück ist „Contract Killer“, ein Song, der aus der Ich-Perspektive eines Auftragskiller seine Arbeit erzählt. Der kühle und schleppende Sound verleiht diesem Song eine schaurig-schöne Atmosphäre. „Hidden Aggression“ ist ein Musterbeispiel für das Gestalten eines Meisterwerks. Hier stimmt einfach alles: von der ersten bis zur letzten Note. Kein Song ist zu lang oder ein reiner Lückenfüller, die Anordnung der Stücke ist perfekt. „Hidden Aggression“ ist eine Offenbarung, die hoffentlich zukünftige Standards in elektronischer Musik setzen wird. Inkommensurabel!!!
www.cryodome.com


(verfasst von Nuuc)



"CD des Monats" April 2010

Wertung: 6 von 6
zur Übersicht