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Erst einmal wäre es nett, wenn Ihr Euch kurz vorstellen und uns einen kleinen Abriss Eures bisherigen musikalischen Werdegangs geben könntet.
Marianne Iser: Wir sind Marianne Iser und Thomas Duda und kommen beide ursprünglich aus dem Osten. Thomas aus Polen und ich aus einem Nest in Sachsen Anhalt. 1995 trafen wir uns im verschlafenen Hildesheim, wo Thomas noch zur Schule ging und ich Theater studierte. Es war wie „ gesucht und gefunden“. Wir legten sofort los, machten gleich vom ersten Treffen an zusammen Lieder. Thomas kam vorrangig mit den Melodien und ich schrieb die Texte. Als wir gerade mal fünf Lieder zusammen hatten, leierte Thomas schon einen Auftritt an. Thomas Duda: Zunächst gingen wir in jede Kneipe, in der ein Klavier stand und spielten, egal ob die Leute wollten oder nicht. Später spielten wir in Altersheimen, Schulen und auf Partys. Schließlich schafften wir den Sprung auf Kleinkunstbühnen und heimsten in kürzester Zeit diverse Preise ein. Marianne Iser: Von Anfang an irritierten und polarisierten wir unser Publikum, denn unsere Lieder handelten vom Scheitern und vom Mord, von einem monströsen unstillbarem Lebenshunger und der Sehnsucht nach dem Tod. Denkt man an den Namen Schneewittchen, fällt einem zunächst das gleichnamige Märchen der Gebrüder Grimm ein. Was verbindet Euch mit diesem Märchen? Marianne Iser: Schneewittchen ist ein archetypisches Märchen, reich an Symbolen und Gewalt. In diesem Märchen gibt es vier Mordversuche der Mutter an der Tochter und am Schluss muss sich die böse Stiefmutter in glühenden Pantoffeln auf Schneewittchens Hochzeit zu Tode tanzen. Wir haben uns so benannt, weil wir uns in der Symbolik der Märchen, in deren Schönheit und Grausamkeit zu Hause fühlen. Thomas Duda: Und weil das Feuleton der FAZ uns früher öfter als ein wildes durchgeknalltes Schneewittchen bezeichnet hat. Wie seid Ihr zur Musik gekommen, welche Ausbildung habt Ihr? Thomas Duda: Ich bin Autodidakt. Ich war ein sehr aufgewecktes Kind. Meine Mathematiklehrerin mochte mich, glaube ich. Sie hat mich während sie Arbeiten korrigiert hat an einem Flügel im Klassenzimmer rumspielen lassen. Da war ich beschäftigt. Sie unterrichtete auch Musik, aber nicht in meiner Klasse. Sie ließ mich einfach in Ruhe, nur wenn ich eine Frage hatte, erklärte sie mir, was ich wissen wollte. Später hatte ich ein paar Stunden Jazzimprovisation...aber sehr überschaubar. Ich mochte keinen Unterricht. Im Abitur hatte ich tatsächlich eine 5 in Musiktheorie...Ich stritt mich zu gern herum. Marianne Iser: Wir haben in der Familie immer viel gesungen. Später, während meines Theaterstudiums, habe ich dann privat Gesangsunterricht genommen, bei einer klassischen Sängerin, so knapp zwei Jahre… das war´s schon. Natürlich hört man nie auf zu lernen und sich weiterzubilden. Zur Zeit lerne ich gerade viel bei einem Stimm-und Atemtherapeuthen. Woher kommen die Ideen für die Lieder? Thomas Duda: Aus dem unbewältigten Leben. Wie kommt Ihr zu solchen Texten, beruhen die Texte generell aus persönlichen Erfahrungen? Falls ja: Ist es Euch nur so möglich, Texte zu schreiben? Marianne Iser: Nicht nur persönliche Erfahrungen! Es gibt kollektive Erfahrungen, die in unserem Unbewußten gespeichert sind. Unser Gehirn kann auch nicht selbst erlebte Dinge sehr autenthisch nachempfinden. Mir ist es aber nicht möglich einen Text zu schreiben, wenn mich ein Thema nicht im Kern berührt und angeht. Ich suche Bilder für Gefühle. Machen wir uns nichts vor, Gefühle sind wie Naturgewalten, sie können dich wegreißen, überrollen und zerstören. Wenn du Glück hast kommst du am Ende erneuert heraus. Marianne, was sind die Hauptthemen, die Dich in Deinen Songtexten beschäftigen? Marianne Iser: Liebe und Tod, Desillusionierung, Angst, Verzweiflung, und die Suche nach Erlösung, die Frage nach Sinn. Was fasziniert Dich generell an düsteren, morbiden Themen wie Tod und Selbstzerstörung? Marianne Iser: Die Absolutheit. Tod ist der Pol zu dem wir unser Leben immer wieder in Verbindung stellen müssen. Erst daran erhält alles seinen Wert seinen „ Sinn“. Eure Musik verbindet Provokation, Wortwitz und dunkle Ironie zu einer ganz eigenen Form der Poesie. Ist Schneewittchen in gewisser Weise auch eine Aufarbeitung Eurer eigenen Gefühlswelt? Marianne Iser: Ja. Es wird uns vorgeworfen in der Kunst und Theaterszene, dass wir zu persönlich sind, zu eigen, zu „strange“. Kunst muss persönlich sein. Alles andere ist Dienstleistung. Das rein Formelle, wie oft in der Konzeptkunst zu finden, interessiert mich nicht. Ihr beschäftigt Euch sehr intensiv mit den letzten verbliebenen gesellschaftlichen Tabu-Themen weibliche Sexualität und seelische Verletzung - wen wollt Ihr wie und wozu provozieren? Thomas Duda: Wir wollen nicht provozieren, wir konfrontieren, mit dem was ist und uns angeht. Themen gibt es genug, wie zum Beispiel das Scheitern und das Altern, das Sterben. Woher kommt der musikalische Reichtum die Experimentierfreude? Wo sind eure Quellen? Eure Inspirationen? Marianne Iser: Alles, was uns auf der Seele brennt und natürlich suchen wir immer nach Formen, in denen sich das Gefühl, das Bild, der Moment, die Wut transportieren oder übersetzen lässt. Thomas Duda: Wir haben ein sehr breites und unterschiedliches Spektrum an Musik die wir gern hören, also nicht nur Schubert und Mozart sondern auch Janis Joplin, Udo Lindenberg, David Bowie, Klaus Nomie, Eminem und dann wieder Tom Waits, Roxette, Ramones, Björk um wenige zu nennen... alles dient als Inspirationsquelle. Was war/ist Euer schönstes Erlebnis auf der Bühne? Marianne Iser: Angekommen zu sein. Das heißt: den Kontakt zwischen den Menschen im Publikum, uns und etwas Größerem darüber hinaus gehend hergestellt zu haben, damit in Kontakt zu sein. Das ist schwierig zu erklären, es ist wie wenn man einen größeren Raum betreten hat, der über die Begrenzung der eigenen Person, des rein Körperlichen hinausgeht, worin wir uns dann alle befinden. Die Bühne ist dann so eine Art Gebetsraum, ein Altar, von dem aus sich der Raum öffnen kann: dann sind alle Beteiligten, das Publikum und die Künstler mit diesen heraufbeschworenen Ängsten, Schmerzen, der Liebessehnsucht, Klagen, Verzweiflung und Sinnfragen miteinander verbunden und als eine verschworene Gemeinde zusammen aufgehoben. Was ist Euer unangenehmstes Erlebnis bei einer Tour? Marianne Iser: Leute, die nicht kapieren, dass ich einen ordentlichen Soundcheck brauche, das heißt oft einfach nur genug Zeit zu haben. Was ich meiner Stimme an verschiedenen Lagen und Gesangsarten abverlange fordert seinen Preis. Was macht Euch traurig? Marianne Iser: 1. das gesellschaftliche Verhältnis zum Altern 2. unser Unverhältnis zum Tier 3. Wörter wie „dritte Welt“ 4. Ignoranz und Gefühlslosigkeit Was wünscht Ihr Euch von der Zukunft? Marianne Iser: Dass wir endlich richtig durchbrechen, uns ein ganz eigenes und großartiges Publikum erspielen. Dass wir uns zusammen immer weiterentwickeln, uns treu bleiben und nie das Wesentliche aus den Augen verlieren. Thomas Duda: Und immer: Liebe. Habt Ihr noch etwas, das Ihr den Leuten dem Publikum sagen oder mit auf den Weg geben wollt? Thomas Duda: Liebe und Lebe richtig, ohne wenn und aber! Marianne Iser: Werde, wer du bist! (Nietzsche) …. und: Manchmal muß man einfach nur lange genug durchhalten... by PromoFabrik ( www.promofabrik.de ), Januar 2009
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