[:SITD:]

Hallo [:SITD:]! Wie geht’s euch?

Tom: Danke der Nachfrage. Es geht uns soweit gut. Wir bereiten gerade unsere kommende Tour mit Painbastard und Destroid vor.

Am 7.9. habt ihr die „Bestie:Mensch“ auf die Menschheit losgelassen. Wie zufrieden ist man als Band mit dem, was man eben veröffentlicht hat?

Tom: Wir sind froh und glücklich mit dem Resultat und freuen uns darauf, die Songs nun endlich unserem Publikum präsentieren und mit ihnen teilen zu dürfen. In unseren Augen ist “Bestie: Mensch“ das vielschichtigste und mit Sicherheit auch das düsterste und nachdenklichste Album, das wir bislang gemacht haben. Obwohl es die arbeitsintensivste Platte überhaupt war, brauchten wir nach der Fertigstellung keinen Abstand zu den Songs. Das ist erstaunlich, weil man eigentlich erst mal die “Ohren frei bekommen“ muss, wenn man über einen langen Zeitraum täglich an einem Album arbeitet. Diesmal brauchten wir das nicht, was vielleicht daran liegt, dass wir einen sehr engen und persönlichen Bezug zu den Inhalten haben, so dass wir gar nicht loslassen können und wollen.

Was sagen Fans und Presse bisher dazu?

Tom: Das Album ist erst vor wenigen Tagen erschienen und die bisherige Resonanz, soviel kann man schon sagen, ist zu unserer Freude überaus positiv ausgefallen. Natürlich kann man es nicht allen Leuten recht machen, aber damit muss man leben, wenn man Musik macht.

In den DAC hat die „Klangfusion“ mit Painbastard extrem erfolgreich eingeschlagen. Rechnet ihr bei „Bestie:Mensch“ mit ebenso toller Resonanz von den DJs? Gibt es auch da schon Stimmen zum neuen Werk?

Tom: Mit bestimmten Resonanzen rechnen kann man nicht, denn die Reaktionen sind nicht vorhersehbar. Deswegen ist es umso schöner, wenn man mit so einem Feedback bedacht wird wie in dieser Woche. Die “Klangfusion“ und “Bestie: Mensch“ belegen Platz 1 und 3 in den aktuellen DAC Single- bzw. Albumcharts. An dieser Stelle möchten wir uns ganz herzlich bei allen DJ’s und Fans für diese tolle Unterstützung bedanken!

Die „Bestie“ hat viele Gesichter und beim Blick hinter den Spiegel mancher Menschen kann man oft nicht glauben, was man dort vorfindet. Wie seid ihr gerade auf diese Thematik gekommen?

Carsten: Wir zielen auf jene “Bestie: Mensch“ ab, die in jedem von uns steckt. Wir bemerken sie auf den ersten Blick oftmals gar nicht und erkennen sie erst, wenn wir uns selbst und unser Handeln bzw. Nichthandeln hinterfragen. Selbst wenn es um Güter und Interessen geht, die uns höchstpersönlich betreffen, fühlen wir uns oftmals nicht davon tangiert. Wer von uns ist nicht abgestumpft, wenn er alltäglich mit Themen wie der drohenden Klimakatastrophe oder den anderen eklatanten Problemen unserer Welt konfrontiert wird? Diese Abgestumpftheit und Lethargie macht den Menschen zur eigentlichen Bestie, der alles egal ist, was um sie herum geschieht. Das ist der Hintergrund des Albumtitels.

Könnt ihr bitte die Hintergrundstory und den Beweggrund eines jeden Songs auf „Bestie:Mensch“ erläutern?

Carsten: Der Opener “Herbsterwachen“ ist ein nachdenklicher, aber dennoch in einer positiven Aufbruchsstimmung gehaltener Midtempo-Song. Er greift den zuvor erwähnten Ansatz auf, dass man seine Augen nicht verschließen und ein gewisses Faible dafür beibehalten sollte, Dinge zu hinterfragen und nicht einfach alles hinzunehmen. Wir sollten mehr für unsere Interessen einstehen und nicht nur andere für uns entscheiden lassen. Das geschieht in Zeiten der allgemeinen Politikverdrossenheit viel zu selten. Man kann den Text auf die Deutsche Einheit beziehen, aber auch auf die 80ger Jahre, als die Leute als Reaktion auf den NATO-Doppelbeschluss oder aber auch nach dem GAU von Tschernobyl auf die Strasse gegangen sind. Man kann eine Vielzahl von Ereignissen mit dem Song “Herbsterwachen“ verknüpfen. Wir haben den Text bewusst metaphorisch offen gestaltet, damit sich jeder selbst darin wiederfinden kann. “Stammheim“ geriet durch die aktuelle Debatte um die Begnadigung von RAF-Terroristen in den Fokus unseres Interesses. Wir haben uns die Fragen gestellt: Wie entsteht politisch motivierte Gewalt? Worin liegen ihre Ursprünge und wozu führt sie? Uns ist bewusst, dass ein Musikstück nie der inhaltliche Komplexität einer wissenschaftlichen Aufarbeitung entsprechen kann, man kann aber durch eine künstlerische Herangehensweise ergänzend dazu beitragen, ein unbewältigtes Thema zu enttabuisieren. Bei “Telepathic“ geht es um Telepathie - also Gedankenübertragung. Wir neigen dazu, alles was wir mit dem Verstand nicht erfassen können, als nicht existent oder nicht relevant abzutun. Dabei übersehen wir aber, dass es viele Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir - inklusive unserer Wissenschaften - noch nicht kennen und glauben also, dieses uns bekannte Promille jenes Wissens, das wir haben, sei schon alles. Es ist nichts oder wenigstens nicht viel. Mit “Kreuzgang“ ist ein “Leidensweg“ gemeint. Der Song beschreibt metaphorisch offen und aus verschiedenen sich gegenüberstehenden Perspektiven ein “Täter / Opfer“ - Verhältnis. Wir haben uns mit dem sogenannten “Stockholm-Syndrom“ auseinandergesetzt, worunter man ein psychologisches Phänomen versteht, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Grundsätzlich neigt der Mensch dazu, in Zwangs- oder Abhängigkeitssituationen auch moralisch beziehungsweise ethisch bedenkliche Handlungsweisen von Autoritäten zu relativieren und eine Schutzhaltung für sich zu entwickeln. Diese Schutzhaltung, die für einen Außenstehenden nur schwer verständlich erscheint, ist ein ganz normaler Überlebensinstinkt. Alles, was dem Opfer eine Erklärung für seine Situation bietet, ist dabei als Überlebensstrategie geeignet. Man kann aber in “Kreuzgang“ auch einen religiösen Ansatz wiederfinden, wenn man das “Täter/Opfer“ - Verhältnis auf den Leidensweg von Jesus Christus und seinem Verhältnis zu seinen Peinigern bezieht. Wir haben bewusst den Raum für verschiedene Interpretationsansätze gelassen. Es gibt immer mehr als nur eine einzige allgemeingültige Wahrheit. “Displaced“ beschreibt die Suche nach “Heimat“, nach einem “Zufluchtsort“. Etwas was man vielleicht schon gefunden, aber wieder verloren hat. Das Lied spiegelt die Sehnsucht wieder, dass man an einen bestimmten Ort zurückkehren möchte, wobei die Ungewissheit bleibt, ob dann noch immer alles so ist, wie es einmal war. Mit “Floating“ haben wir uns in recht experimentelle Gefilde gewagt. Es ist ein Instrumental, das von seiner atmosphärischen Dichte lebt und von einem Fundament aus Breakbeatsounds getragen wird. “Direction: North“ ist ein sehr persönlicher Song, der einen tiefen Einblick in unser Seelenleben gibt. Es war und ist immer ein wichtiger Bestandteil unserer Musik persönliche Erfahrungen und Ereignisse, die uns bewegen, in unseren Stücken zu verarbeiten. Während der Produktionsphase des Albums ist ein schreckliches Unglück passiert, bei dem ein enger Familienangehöriger eines Bandmitglieds ums Leben gekommen ist und “Direction: North“ ist eine direkte Aufarbeitung dieser schlimmen Geschehnisse. “Propaganda“ richtet sich gegen das außenpolitische Gebaren der USA und den rhetorischen Deckmänteln, mit denen die Bush-Administration diese Politik verkauft. Der aktuelle Irak-Krieg fußt zweifelsfrei auf rein wirtschaftlichen Interessen, als groß angelegte Subvention der Öl- und Energie- und Rüstungsunternehmen auf Kosten der Allgemeinheit. Wenn man damals den Umfragen geglaubt hat, dann haben drei Viertel der Amerikaner den Krieg befürwortet, und zwar im Glauben, Saddam Hussein habe Massenvernichtungswaffen. Jetzt, wo es ans Licht kommt, dass diese Aussage einen Wahrheitsgehalt gleich Null hatte und die amerikanischen Amts- und Würdenträger ihr Volk dank fingierter Geheimdienstberichte schamlos belogen haben, passiert nichts! Wo sind jetzt die drei Viertel der Amerikaner? Es ist schockierend, dass die Leute nicht auf die Straße gehen und ihren Präsidenten durch öffentlichen Druck aus dem Amt jagen. “Reincarnation“ ist eines der wenigen Lieder mit einem positiven Grundtenor auf dem Album. Es mag all jenen ein wenig Hoffnung geben, die den Verlust eines nahestehenden Menschen zu beklagen haben. Bei „Silver Bombs“ geht es inhaltlich um das Thema “Stalking“ in seinen krankhaftesten Auswüchsen. Robert de Niro’s schauspielerisches Meisterwerk “Kap der Angst“ stand dabei inspirierend Pate. Das abschließende “Heroic“ ist ein melancholischer Piano-Song, der bewusst am Ende des Albums steht und durch seine emotionalen Klangfarben dazu einlädt, noch mal die Gedanken schweifen zu lassen.

Euer Debut „Stronghold“ hat seinerseit schon die Auszeichnung „DAC Band Album des Jahrs 2003“ bekommen und mit „Richtfest“ hattet ihr den Titel „DAC Single Act National 2005“ auf Platz 3 vor Deine Lakaien und Rammstein ergattert. Dazu kamen z.B. Remixkooperationen mit MediaControlChart-Bands wie VNV Nation und Oomph!. Da ist man doch sicher extrem stolz als Band, nehm ich an?

Tom: Wir freuen uns über Erfolg und Anerkennung. Wir lassen uns aber dafür nicht verbiegen, sondern machen musikalisch und inhaltlich genau das, was uns am Herzen liegt.

Wo will [:SITD:] noch hin bzw. was wollt ihr mal erreichen und liegt auch im Bereich des Möglichen?

Tom: Wir planen nur in kleinen Schritten. Nehmen uns etwas vor und arbeiten hart dafür. Im Musikbusiness macht keinen Sinn weit voraus zu planen.

Wo seht ihr als Band eure Stärken und Schwächen?

Tom: Das sollen andere beurteilen. Wir machen unsere Musik und die kann man dann mögen oder eben nicht …

Neben Clubnummern wie z.B. „Propaganda“, „Direction:North“, „Silver Bombs“ und „Stammheim“, sowie Midtemposongs wie „Herbsterwachen“ oder „Kreuzgang“, gibt es auch balladeske Stücke wie „Heroic“, „Reincarnation“ und „Displaced“. [:SITD:] sind sich treu geblieben und haben neue Sounds gekonnt integriert, sowie den für die Band so typischen Sound weiter verfeinert. War das gewollt oder arbeitet man einfach drauf los und wundert sich dann im nachhinein über das Geschaffte?

Tom: Es freut uns, dass Du das so empfindest. Es war unser Anliegen, uns als Band weiterzuentwickeln. Wir haben versucht uns musikalisch teilweise neu zu definieren, wobei wir aber auch nicht unsere eigenen Wurzeln außer Acht gelassen haben. Entwicklungen müssen kontinuierlich und nachvollziehbar sein. Wir sehen “Bestie: Mensch“ als den nächsten logische Schritt einer kontinuierlichen Entwicklung.

Mit den instrumentalen Stücken wie „Floating“ und „Telepathic“ betreten ihr einen für [:SITD:] neuen Terrain. Geben diese Stücke in etwa die Richtung an wo es vielleicht mit dem nächsten Album hingehen könnte?

Tom: Auf einem Album hat man ausreichend Platz und den nötigen Freiraum, um sich in kreativer Hinsicht auszutoben und auch musikalisches Neuland zu erkunden. Das haben wir auf “Bestie: Mensch“ entsprechend genutzt. Wohin die musikalische Reise geht, können wir so kurz nach der Veröffentlichung des neuen Albums nicht sagen. Wichtig ist wie bereits gesagt, dass Entwicklungen nachvollziehbar sind und diese Maxime werden wir auch bei zukünftigen Platten nicht aus den Augen verlieren.

Sind Gitarren denn generell bei einer Elektroband ausgeschlossen oder habt ihr euch schon mal drüber Gedanken gemacht solch ein Instrument mit einzubauen oder live zum Einsatz zu bringen? Bei einigen Songs würde das doch prima dazupassen, oder?

Tom: Wir haben bislang noch keine Überlegungen angestellt, die in diese Richtung gehen. Wir stehen größtenteils den Experimenten, die andere elektronische Bands in dieser Hinsicht unternommen haben, skeptisch gegenüber. Man sollte das machen, was man kann und unser musikalisches Herz schlägt nun mal elektronisch…

In Kürze beginnt die „Bestie:Mensch“ Tour! Wie kann man sich die Tage vor dem Tourauftakt bei euch vorstellen? Ihr habt diesesmal ein sehr hochkarätiges Supportprogramm an Bands dabei. Wie kam die Konstellation [:SITD:], Destroid und Painbastard zu Stande? Was kann der geneigte Zuschauer von euren Gigs erwarten was Setlist, Lightshow usw. angeht? Habt ihr euch was besonderes einfallen lassen?

Tom: Wir sind dabei, die letzten Planungen und Vorbereitungen zum Abschluss zu bringen. Wir möchten nicht zuviel verraten, aber es wird eine neue Bühnen-Deko geben und unsere älteren Songs werden wir mit einem neuen Live-Anstrich präsentieren. Neben den Songs von “Bestie: Mensch“ wird es spezielle Versionen vieler “Klassiker“ geben. Außerdem haben wir genau hingehört, wenn in der Vergangenheit von Seiten unseres Publikums Wünsche geäußert wurden, dass wir wieder mal den einen oder anderen Song spielen möchten, der längere Zeit nicht in unserem Live-Repertoire enthalten war. Auch da wird es die ein oder andere Überraschungen geben! Darüber hinaus sind wir natürlich froh, dass wir sowohl Painbastard als auch Destroid für diese Tour gewinnen konnten. Wir kennen sowohl Alex P. von Painbastard als auch Daniel Myer von Destroid seit vielen Jahren. Wir schätzen beide Bands sehr und haben unserer Booking-Agentur Neuwerk und unserem Label Accession-Records bei einem gemeinsamen Meeting am Anfang dieses Jahres einen entsprechenden Vorschlag unterbreitet, dass wir gerne mit beiden Bands auf Tour gehen möchten. Das wurde sehr positiv aufgenommen und Neuwerk ist dann an die Künstler herangetreten, die ebenfalls ihr Interesse signalisierten. Wir freuen uns darauf, dass wir nun dieses tolle Package unserem Publikum bei der am 22. September in Guben startenden Tour präsentieren dürfen. ( Tourdaten unter www.sitd.de ).

Ich denke mal, ihr seid extrem heiss auf die Tour?

Carsten: Ja, das sind wir. Es macht zwar Spaß im Studio an neuen Songs zu arbeiten, aber der Moment, wenn man die Emotionen der Songs direkt mit dem Publikum teilen kann, das ist durch nichts in der Welt zu toppen! Darauf haben wir ein ganzes Jahr hingearbeitet und wir freuen uns unbeschreiblich, dass es nun endlich losgeht.

Ich bedanke mich recht herzlich für das nette Interview und wünsche euch viel Erfolg mit dem sehr guten neuen Album und viel Spass auf der Tour! Die letzten Worte gehören euch:

Carsten: Wir haben Dir und Elektrauma zu danken. Darüber hinaus möchten wir ein aufrichtiges Dankeschön an alle echten Fans loswerden, die hinter ihren Bands stehen und diese durch Plattenkäufe, legale Downloads und Konzertbesuche unterstützen! Dadurch ermöglicht Ihr erst unsere Arbeit und damit haltet Ihr diese Szene am leben!



Homepage Band: [:SITD:]
Homepage Label: Accession Records

(Interview geführt von Andi)

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